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Ich, Verrückter!

Von Mohsen Rezai

Was bedeutet verrückt? Was ist normal? Und was hat beides mit Verstehen zu tun? Mohsen Rezai hat diese Frage beschäftigt. Er vergleicht eine Begebenheit aus seiner Erinnerung mit einer Erfahrung am Theater.

Ich schaute die Person genau an. Sie zielte mit ihrer rechten Hand, vor allem mit dem Zeigefinger, auf alles, was sie um sich sah. Sie winkte auch den anderen Menschen zu. Aus Mitleid schenkten einige ihr ein Lächeln. Sie suchte nach irgendwas im Plastiksack in ihrer Hand. Das alles befriedigte sie aber nicht. Dann fing sie an laut zu reden, undeutlich und so, als ob sie die Wörter zerkauen würde. Ein mittelgroßes junges Mädchen, mit Brille, stand neben ihr. Das Mädchen versuchte, die Person mit einem „Psst!“ zum Schweigen zu bringen. Dann fing es an, mit dem Jungen zu sprechen, der neben ihr stand.

Die Person senkte ihre Stimme und legte ihre linke Gesichtshälfte an den Bauch des Mädchens, so wie man den Kopf an die Brust eines Menschen legt.

Sie beruhigte sich aber nicht. Sie begann, an ihrer Stirn zu kratzen. Dann winkte sie wieder den Menschen zu. Sie zielte auf den Himmel und schnitt Grimassen. Dann wurde sie wieder lauter. Sie sah anscheinend etwas, das wir nicht sehen konnten. Das Mädchen versuchte sie wieder mit einem „Psst!“ zu beruhigen. In diesem Moment fasste der Junge die Hand der Person und sagte: “Mutter!”

Ja, die Frau mit den grauen Haaren ist die Mutter der beiden. Der Junge und das Mädchen schränken die Freiheit ihrer Mutter ein, damit die Ruhe der andern Menschen nicht gestört wird. Vielleicht aus Scham. Ist es möglich, die Gefühle dieser Verrückten zu verstehen? Kann man verstehen, warum sie sich so bewegt und ausdrückt? Kann man von ihr Ruhe erwarten oder dass sie sich benimmt wie die andern Menschen? Die Freiheit, die eine Verrückte hat, lässt sich nicht durch das Gesetz, gesellschaftliche Regeln und Scham einschränken. Diese Themen scheinen für eine Verrückte unwichtig zu sein. Aber ich, der psychisch gesund ist, habe diese Freiheit nicht und nenne ihr Verhalten eine Verrücktheit. Man kann sagen, dass diese Freiheit einer Verrückte steht. Sie braucht diese Freiheit, auch wenn sie eine Gefangene ihrer Verrücktheit ist. Ab und zu erfahren auch gesunde Menschen ein bisschen von dieser Freiheit – durch Alkohol oder andere Drogen. Eine Freiheit in Gefangenschaft!

Diese Bilder und Gedanken beschäftigten mich heute. Ich setzte mich auf meinen Platz. Die Vorstellung sollte bald beginnen.

Verrückter! Du verstehst nichts von der Kunst. Wie kannst du mein Werk „einen Blödsinn” nennen? Mit diesem Urteil sind viele Künstler konfrontiert. Für manche ist es der Grund ihres Misserfolgs. Ich sage mit einem Lächeln: Du armer stummer Künstler! Oder soll ich besser sagen: Du Verrückter! Ich, der nicht wie du verrückt sein kann, wie soll ich dein Werk verstehen und es genießen? Du verrückter Künstler bringst die ganze Freiheit deiner Gefühle auf das Papier, auf die Leinwand, auf die Bühne… aber ich, ich bin normal, ich verstehe dein Werk nicht und es ist für mich Blödsinn! Ja, ich muss gestehen, dass ich dein Werk nicht verstehe. Ich werde es dir leichtmachen: Ja, ich bin verrückt!

Der Sohn, der die Hand seiner verrückten Mutter hält und sie zur Ruhe ermahnt und sie nicht versteht, ist verrückt. Warum soll mein Handeln, mein Charakter, überhaupt alles von mir so sein, dass ich normal erscheine? Die anderen Leute sollen mein Normalsein bestätigen. Stell es dir nur vor! Kann ich denn rückwärts oder wie der Hund des Nachbarn auf der Straße gehen? Ich will doch nicht, dass die Leute mich einen Verrückten nennen.

Ich spüre eine Hand auf meinem Arm. Ich schaue hinauf. Ein Mann fragt mich ganz ruhig: “Geht es dir gut?” Ich bin schweißgebadet, schaue herum und frage mich: “Warum stehe ich?” Alle schauen mich erstaunt an. Ein wenig beschämt sage ich: “Ja, mir geht’s gut. Danke!” Ich setze mich auf meinem Platz und die Vorstellung beginnt.


Aus Dari übersetzt von Farhad Madjidian.
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